Können Antidepressiva Depressionen heilen? 

Wenn ich morgens meine Antidepressiva nehme, habe ich immer den Song Happy Pills von Weathers im Ohr: „I take my pills and I’m happy all the time“. Während die kleine Pille auf einer Welle von Leitungswasser ihre Reise in meinen Magen antritt, denke ich mir dann: „Schön wär’s“. Denn so einfach ist es leider nicht. 

Viel Neben-, wenig Wirkung? 

Oft beschweren sich Menschen, welche die Antibabypille nehmen, berechtigterweise über den viel zu langen Beipackzettel voller Nebenwirkungen. Der Beipackzettel für Antidepressiva ist ungefähr doppelt so lang. Jegliche körperliche und psychische Reaktion, die jemals entdeckt wurde, scheint darauf verzeichnet zu sein: Gewichtsverlust, Gewichtszunahme, Schlafstörung, Müdigkeit, Bewusstlosigkeit, Panikattacken und so weiter. Deshalb ist es extrem wichtig, dass Antidepressiva nur zusammen mit Ärzt:innen oder Psychiater:innen ein- und am Ende der Behandlung auch wieder ausgeschlichen werden. Mit dieser Methode sollen die Begleiterscheinungen möglichst geringgehalten werden. Das bedeutet, dass die Dosis zu Beginn der Einnahme nur langsam erhöht wird, damit die Nebenwirkungen aushaltbar bleiben. Nach ein paar Wochen sollten die Nebenwirkungen abklingen und erst dann wird die Dosis erhöht. Das gleiche Spiel gibt es dann, wenn das Ende der Einnahme beschlossen wird. Da beim Absetzen von Antidepressiva oft die gleichen Nebenwirkungen auftreten, wie zu Beginn der Einnahme, wird hier die Dosis über Wochen hinweg leicht gesenkt. Auch das soll die Nebenwirkungen möglichst klein halten.  
Wenn man den ganzen Tag mit Schwindel, Übelkeit und Panikattacken zu tun hat und gleichzeitig noch nichts von der Wirkung spürt, kann die Medikation eine regelrechte Tortur sein. Dabei versprechen Patient:innen sich doch von ihr die langersehnte Besserung. Das ist eine schwer auszuhaltende Situation. 

Die Suche nach der richtigen Pille 

Es gibt nicht das eine Antidepressivum, sondern viele verschiedene Präparate. Was für einen Menschen funktioniert, kann für einen anderen nichts bewirken oder die Depressionen sogar noch verschlimmern. Es ist oft eine lange Reise, bis für Patient:innen das richtige Medikament gefunden wird. Und auch dann ist die Depression nicht wie durch ein Wunder geheilt. Die Wirkung setzt meist frühestens nach zwei Wochen ein und kann Symptome wie Müdigkeit, Panikattacken oder innere Leere lediglich mindern. Die eigentliche Arbeit sollte in einer begleitenden Psychotherapie gemacht werden, in der Problematiken erkannt, aufgearbeitet und im besten Fall beseitigt werden können. Einige Menschen nehmen aber auch nur die Medikamente und verzichten auf eine Therapie. Stattdessen hilft ihnen vielleicht Meditation, Yoga oder Sport. Die hilfreichste Behandlungsmethode mit Antidepressiva ist so individuell wie die Menschen, die sie einnehmen. 

Gebt nicht auf! 

Leider machen Antidepressiva nicht auf einen Schlag glücklich. Es braucht viel Zeit und Durchhaltevermögen, bis sie für Menschen mit Depressionen eine nützliche Hilfe darstellen können. Mut spielt ebenfalls eine Rolle, sobald auch nur ein Blick auf den Beipackzettel geworfen wurde. Ich kann allerdings aus eigener Erfahrung sagen: Lasst euch nicht unterkriegen! Wenn es euch am Ende der Antidepressiva-Reise endlich ein bisschen besser geht und ihr ein kleines Licht am Ende des Tunnels seht, werdet ihr eurem Vergangenheits-Ich sehr dankbar sein.  

Autor*in

Mira ist 21 Jahre alt und studiert seit dem WiSe 2020/21 Soziologie und Deutsch an der CAU. Sie ist seit November 2020 Teil der ALBRECHT-Redaktion und leitete ab Februar 2021 für ein Jahr das Ressort Hochschule. Seit Februar 2022 ist sie die stellvertretende Chefredakteurin.

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