Fünf Jahre Psychotherapie geschafft. Und jetzt?

Das klingt nach einem unglaublichen Achievement. Fünf Jahre Therapie durchgezogen zu haben, überhaupt mit einer Therapie anzufangen, regelmäßig hingegangen zu sein und damit wieder mein Leben auf die Reihe bekommen zu haben… Doch fühlt es sich auch für mich so an? Ja und Nein. Ich bin super froh, dass ich nun etwas beendet habe, wo andere Menschen immer noch einen Platz suchen oder sich gar nicht erst trauen, Hilfe zu suchen. Andererseits fühlt es sich auch nicht so an, als ob ich dieses Spiel ‚Leben’ alleine und ohne Unterstützung schaffen kann. 

Ab jetzt nicht mehr ohne  

Ich habe meine Therapie im Juli 2018 angefangen, nachdem ich mein damaliges Studium nicht mehr fortführen konnte und deshalb ein Urlaubssemester beantragt hatte. Eigentlich wusste ich da schon, dass ich es abbrechen werde. Es entsprach nicht dem, was ich mir vorgestellt hatte und meine Fähigkeiten reichten nicht aus. Die Suche nach einem Therapieplatz ist in den meisten Fällen eine langwierige Sache und dann muss auch die Chemie zwischen Patient*in und Therapeut*in stimmen. Letzteres ist eine Sache, die von Erfolg und Misserfolg der Behandlung abhängen kann. Ich hatte wirklich Glück. Zum einen, weil ich durch Vitamin B sehr frühzeitig einen Platz bei meinem jetzigen Psychiater bekommen habe und ich durch ihn medikamentös unterstützt wurde, um morgens überhaupt aus dem Bett zu kommen. Zum anderen habe ich mich bei mehreren Psychotherapeut*innen gemeldet und schon ein paar Tage später einen Rückruf erhalten, dass ich zu einem Erstgespräch eingeladen bin. 

Die erste Therapiestunde 

An meinem ersten Termin war ich sehr nervös. Ich hatte Angst, mich vor einer völlig fremden Person zu öffnen und ihr meine tiefsten und privatesten Gefühle und Gedanken preiszugeben. Es stellt sich jedoch sehr schnell heraus, dass ich jemand bin, die sich eigentlich bei jedem Menschen öffnen kann. So kann ich auch ohne Scham über dieses Thema  reden. Ich weiß, dass das für die meisten nicht selbstverständlich ist.  Da hört mein Therapeut dann so Sachen wie „Ich habe Angst davor, Nudeln zu essen” oder „Ich habe es geschafft, ins Kino zu gehen”. Es klingt in meinem Kopf alles valide, diese Dinge zu fühlen, weil sie zu meiner Angst gehören, aber sie laut auszusprechen oder gar aufzuschreiben, ist nochmal was anderes. Es ist natürlich schwer, sofort zu sagen, ob man mit einem Menschen charakterlich klarkommt oder nicht und ich habe zwar nach meinem ersten Gespräch meinen Eltern erzählt, dass ich ihn sympathisch finde, aber sicher, dass er der Richtige ist, war ich mir insgeheim nicht. Doch ich wollte weitermachen, um genau das herauszufinden. So entschied ich mich dafür, meine Therapie dort zu beginnen. 

Wie alles begann 

Anfangs musste ich zweimal wöchentlich zur Therapie und habe erstmal sehr viele ‚Grundfragen’ bekommen. Dazu gehörte ein Fragebogen, das typische Aufwühlen-der-Vergangenheit-Gespräch und in welchen Situationen sich meine Angst zum ersten Mal gezeigt hat. Durch den Fragebogen wurde ich in das Spektrum der Angststörungen mit Agoraphobie und mittelschwere bis schwere depressive Episoden eingestuft. Das klingt jetzt ein bisschen nach kategorialem Zuordnen und ein wenig ist es das auch. Einmal ist das eine Orientierung für den*die Therapeut*in, mit welcher Therapieform rangegangen werden muss und für die Krankenkassen, damit sie die richtigen Dokumente schicken können, mit denen die Therapie bescheinigt wird. Deutschland und deine Bürokratie eben. Trotzdem möchte ich hier klarstellen, dass jede*r gute Therapeut*in nicht nur anhand von vorhandenen oder nicht vorhandenen Symptomen entscheidet, welches Krankheitsbild vorliegt. Sowie jede*r individuell ist, so ist auch seine*ihre psychische Störung individuell und darf nicht in Schubladen gesteckt werden! Für mich stellt sich die Verhaltenstherapie mit Konfrontation als am besten geeignet heraus. 

Misserfolge gehören zum Fortschritt 

Meistens gab es nach jedem Gespräch eine Art ‚Hausaufgabe’, die mir mitgegeben wurde, um mich meiner Angst zu stellen. In den seltensten Fällen konnte ich sie bewältigen, als ich noch am Anfang stand. Umso öfter habe ich mich von meiner Angst kontrollieren und lenken lassen und war nicht handlungsfähig. Das musste ich dann natürlich auch meinem Therapeuten erzählen, wenn er mich danach fragte. Ich habe mich jedes Mal so schlecht gefühlt und gedacht, dass er enttäuscht von mir wäre. Darüber habe ich auch mit ihm gesprochen und er sagte, dass er nicht von mir enttäuscht sei , aber nur ich selber könnte lernen, mit meiner Angst umzugehen, indem ich in Situationen feststelle, dass meine Angst unbegründet ist. Seitdem habe ich mit mehr Motivation versucht, an die Aufgaben ranzugehen und klar gab es hin und wieder immer noch Misserfolge, aber auch Fortschritte. 

Sich die Erfolge vor Augen halten 

Doch wo Fortschritt ist, gibt es auch Rückfälle. Diese hatte und habe ich auch immer mal wieder. In diesen Momenten hatte ich das Gefühl, wieder ganz am Anfang zu stehen und von Null zu beginnen. Aber das ist nicht der Fall! Alle Erfolge, seien sie auch noch so klein, helfen einem im Prozess, die Angst zu kontrollieren und besser mit ihr umzugehen. Das benötigt natürlich viel Zeit. Bei einigen mehr als bei anderen, aber es erfordert Geduld. Ich habe in den spontansten Augenblicken an Dinge gedacht, die mir mein Therapeut mit auf den Weg gegeben hat und plötzlich legte sich ein Schalter um und ich hatte es verinnerlicht. 

Jetzt bin ich auf mich allein gestellt  

Auf dem Weg Richtung Ende der Therapie hatte ich immer mehr Fortschritte gemacht und es gab viele Veränderungen in meinem Leben, die mir dabei geholfen haben und es immer noch tun. Ich bin nicht von meiner Angst geheilt, aber das ist auch nicht das Hauptziel der Therapie. Nur 20 Prozent aller Betroffenen sind nach Jahren der Behandlung vollständig geheilt. Das heißt 80 Prozent werden für den Rest ihres Lebens mit ihrer Angst zu kämpfen haben, aber sie wissen, wie sie damit umgehen müssen.  

Auch mir wurde in letzter Zeit oft gesagt, dass ich ja immer noch Angst habe und somit doch nicht ohne Therapie sein kann. Das stimmt, dass ich zwischendurch immer noch Ängste habe und auch Panikattacken bekomme, aber ich weiß immer besser, wie ich damit umgehen soll. Falls es dann doch mal zu einem Notfall kommt, ist auch das keine Schande. Keiner ist perfekt und alles im Leben ist ein Prozess, der in meinem Fall noch nicht vorbei ist, aber mich nicht mehr daran hindert, das Leben einfach zu genießen. 

Autor*in

Lisa ist 26 Jahre alt und studiert seit dem Wintersemester 20/21 Deutsch und empirische Sprachwissenschaft auf Fachergänzung. Seit November 2021 ist sie Teil der Redaktion und des Lektoratsteams und hat im Januar 2022 die Leitung des Lektorats übernommen.

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