Ich leide unter einer Angststörung und Depressionen. Diese Diagnose bringt es oft mit sich, dass Betroffene einen wahren Therapie-Marathon hinter sich haben, bis sie in einer Umgebung angekommen sind, in der sie sich wirklich wohlfühlen. So auch bei mir. Ich mache mittlerweile eine Gruppentherapie und möchte erzählen, warum diese Form der Behandlung mir am besten gefällt. 

Meine lange Reise zur richtigen Therapie

Seit meinen Eltern das erste Mal aufgefallen ist, dass wir meine psychischen Probleme ohne professionelle Hilfe nicht mehr in den Griff bekommen, war ich immer wieder für längere Zeiträume in Therapie. Da war ich zehn Jahre alt. Ich war zuerst bei einer Kinderpsychologin in Einzelbehandlung und das hat mir auch eine Zeit lang sehr gut geholfen. Danach folgte eine Zeit, in der ich wieder ohne Panikattacken zur Schule gehen konnte. Aber wie es mit psychischen Krankheiten so ist: Irgendwann kamen die Panikattacken wieder. Ich ging zu einem anderen Kinder- und Jugendpsychologen. Seine Lösung? Ich solle doch einfach mal wieder ein Steak essen. Daraufhin schieden sich unsere Wege und meiner ging weiter zu einem Psychiater. Dieser konnte mir zum Glück helfen, auch mit Medikamenten. Es folgte eine Zeit ohne Therapie, auch wegen des Wohnortswechsels nach Kiel. Nach einem Jahr in der neuen Stadt merkte ich aber, dass es wieder Zeit dafür wird. Und so landete ich in einer Gruppentherapie.

Ein Raum voll kranker Menschen

Zuerst war ich sehr skeptisch. Es sind vor allem soziale Situationen, die für meine Angststörung gefundenes Fressen sind. Allerdings bekam ich in der Gruppentherapie schneller einen langfristigen Platz und beschloss deshalb, es wenigstens einmal auszuprobieren. Zur ersten Sitzung zu gehen, kostete mich unglaublich viel Überwindung. Als ich auf dem Boden des nach Lavendel riechenden Raumes auf einem Kissenhaufen saß und darauf wartete, dass die Sitzung anfing, hatte ich Mühe, die Übelkeit zu unterdrücken. Ich schaute in fünf völlig fremde Gesichter, denen ich gleich offenbaren sollte, was in meinem tiefsten Inneren vorgeht. Lieber würde ich mich nackt vor diesen Fremden ausziehen, als sie in meine Seele blicken zu lassen.

Doch dann ging die Sitzung los. Die Menschen erzählten von ihren Problemen und mir wurde bewusst: Wir haben alle ähnliche Gründe, hier zu sein. Wir sind ein Raum voll kranker Menschen. In diesem Raum schaut dich keiner schräg an, wenn du erzählst, dass du Geburtstagsfeiern wegen der Angst vor fremden Menschen absagst. Keiner sagt dir, du sollst einfach weniger essen und mehr Sport treiben, wenn du von deiner Essstörung berichtest. In dem Raum sind Menschen, die dich verstehen. Die Dinge nachvollziehen können, bei denen du dachtest, du wärst völlig allein auf der Welt. Das ist eine Erfahrung, die ich in Einzeltherapien nie machen konnte und die für mich so heilsam ist, dass ich schnell gemerkt habe: In dieser Gruppe will ich bleiben. 

Neue Möglichkeiten

Das ist natürlich nur meine persönliche Erfahrung. Wir Menschen sind verschieden und genauso unterscheidet sich auch, welche Therapieform uns am besten hilft. Ich möchte mit diesem Artikel aber zeigen, dass jede:r über den Tellerrand hinausschauen sollte, wenn Hilfe gesucht wird. Es kann sich lohnen, in die Gruppentherapie zu gehen, obwohl sich das zuerst wie der größte Albtraum anhört. Es kann sich lohnen, in eine Tagesklinik zu gehen, obwohl das eigene Zuhause sich wie der einzige sichere Ort anfühlt, der unter keinen Umständen verlassen werden kann. Alles Mögliche kann sich lohnen, denn die mentale Gesundheit ist so ziemlich das Wichtigste, was wir haben.

Autor*in

Mira ist 21 Jahre alt und studiert seit dem WiSe 2020/21 Soziologie und Deutsch an der CAU. Sie ist seit November 2020 Teil der ALBRECHT-Redaktion und leitete ab Februar 2021 für ein Jahr das Ressort Hochschule. Seit Februar 2022 ist sie die stellvertretende Chefredakteurin.

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