„Ehrlichkeit bezeichnet die sittliche Eigenschaft des Ehrlichseins und wird heute meist in der Bedeutung von Aufrichtigkeit, Offenheit, Geradlinigkeit und Fairness verwendet. Die Ehre als persönliches Attribut kann als Ergebnis der Ehrlichkeit angesehen werden“, spuckt Google aus, wenn nach einem der beliebtesten Charakterzüge schlechthin gesucht wird. Ehrlichkeit – alle haben sie, alle wollen sie und alle können sie. Oder etwa nicht? 

Zwischen Arschloch und Ehrenmensch

Vor einiger Zeit wurde ich gefragt, ob die Waffeln nach dem veganen Rezept denn schmecken würden, ich solle ehrlich sein. „Ja, lecker sind sie“, antwortete ich, „nur etwas trockener als die nach dem alten Rezept – die hatten mir besser geschmeckt.“ „Dann backe ich halt keine Waffeln mehr“, erzürnte sich der Bäcker und starrte eingeschnappt auf das halb aufgegessene Gebäck vor sich. Verdutzt blickte ich ihn an. Was war geschehen? Nach Ehrlichkeit wurde gefragt und Ehrlichkeit wurde geliefert. Doch anscheinend war es nicht die Ehrlichkeit, die erwartet wurde. 

Ein Phänomen, dem ich schon öfters beiwohnen durfte und bei dem ich meistens den Teil des Arschlochs bekleidete. Dass die meisten mit „sei ehrlich“ „lüg mich an, damit es mir gut geht“ meinen, musste ich erst einmal verstehen. Begreifen tue ich diese Heuchelei jedoch nicht. Denn so wird nicht nur der:die Gefragte zum Lügen verpflichtet, sondern, viel schlimmer, der:die Fragende lehnt Ehrlichkeit über die eigene Person ab. 

Ehrlichkeit ist nicht gleich Ehrlichkeit 

‚Gut‘, denken sich jetzt sicher einige, ‚es ist aber auch alles eine Frage der Höflichkeit‘. Eine Meinung, mit der ich d’accord bin, die ich sogar vehement vertrete. Dennoch kommt es hier weniger auf den Inhalt, als auf die Art und Weise an. Für viele scheinen Höflichkeit und Ehrlichkeit nicht kompatibel zu sein. Zu schnell fühlen wir uns auf die Füße getreten. Zu schnell fühlen wir uns in unserem Stolz und Selbstbild verletzt. Die Ursachen hierfür sollten aber ausschließlich im Ton des Gesagten begründet liegen. Ungefragte oder gar unverschämte Äußerungen zur Person sind nicht nur unerwünscht, sondern auch schlichtweg gemein. Wird jedoch ausdrücklich nach Ehrlichkeit gefragt und diese respektvoll und überlegt geliefert, sollten alle Beteiligten zufrieden sein. Doch warum ist das nicht so? Warum fühlen wir uns, trotz explizitem Wunsch nach Feedback, angegriffen? 

Ein Plädoyer für mehr ehrliche Ehrlichkeit 

Vielleicht liegt es daran, dass wir uns unsere Mängel nicht eingestehen wollen. Vielleicht liegt es daran, dass wir uns ertappt fühlen, wie beobachtet beim abendlichen Striptease, bei dem all unsere Makel, all unsere Fehler deutlich und ungeschönt zu betrachten sind. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass wir nicht mit der erhaltenen Antwort gerechnet haben.

Welcher der Gründe es auch sein mag, ändert nichts an der Tatsache, dass wir uns vor uns selbst verschließen, wenn wir uns der Ehrlichkeit entziehen. Nur wer Rückmeldungen annehmen kann, kann auch sich selbst annehmen. Also, anstatt beim nächsten Mal beleidigt zu sein, sollten wir uns über das Feedback freuen und uns fragen, was wir daraus lernen können und so einer Weiterentwicklung nicht im Wege stehen. Und wenn Ehrlichkeit nicht willkommen ist, seid so ehrlich zu euch selbst und fragt nicht nach ihr. Denn sonst gibt es am Ende nur Verlierer:innen.

Autor*in

Katrina studiert Deutsch und Soziologie an der CAU. Sie ist seit Juli 2020 Teil der ALBRECHT-Redaktion und schreibt hauptsächlich für die Ressorts Hochschule und Gesellschaft. Seit November 2020 unterstützt Katrina das Lektoratsteam und hat außerdem seit März 2021 den Leitungsposten Bild inne.

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