Das Sommertheater Viel Lärm um nichts lockt wieder nach Holtenau

Kaum sind die letzten Funken des KiWo-Feuerwerks verblasst, ködert bereits das nächste Spektakel mit Fördekulisse Kieler*innen aus den Buden. Das Sommertheater Viel Lärm um nichts hat seine Zelte aufgeschlagen und versucht sich dieses Jahr an komödiantischer Leichtigkeit. DER ALBRECHT durfte gemeinsam mit dem Campusradio die Generalprobe miterleben. Generalintendant und Regisseur Daniel Karasek nahm sich noch etwas Zeit für uns, bevor es hieß: Bühne frei! 

Der Kieler Sommer zeigte sich am Donnerstag der Generalprobe von seiner besten Seite. Schon auf der Holtenauer Hochbrücke kündigten sich dunkle Wolken über dem MFG-5-Gelände an. Geduldiges Warten unter dem Dach des Skaterparks war angesagt. Gegen das Prasseln setzte sich eine Ansage über Lautsprecher durch, die darum bat, noch ein wenig unter dem Dach auszuharren. Allein unsere kleine Presse-Abordnung wurde um die Absperrungen in den arenaartigen Bühnenbereich geleitet. Trotz der erstmaligen Präsentation der Probenarbeit vor Publikum, zeigte sich unser Gesprächspartner Daniel Karasek entspannt. Beinahe unbeeindruckt von der Wetterlage resümierte er: „In den ersten Jahren waren wir immer völlig fertig mit den Nerven. Aber mittlerweile sagen wir uns: ‚Klar, das ist das Risiko, wenn man draußen spielt’.” 

Diese Gelassenheit ist wohl auch dem langjährigen Partner Opus zuzuschreiben. Karasek betonte die Verlässlichkeit der Firma im Hinblick auf Wettervorhersagen und Ton-Technik: „Wir sind mit Opus von einer Firma flankiert, die Wacken und (Pop-)Konzerte ausrichtet. Damit sind wir hier so extrem professionell begleitet, sodass wir hier perfekten High-Tech-Ton haben.” Von Karaseks Regiepult aus kamen wir auch direkt in den Hörgenuss der Soundanlage. Die Anweisungen zum Auf- und Abdecken der Bühne mit großen Regenplanen versprachen bereits einen beeindruckenden Surround-Sound. 

Passion für Shakespeares Pathos 

Gerade zur Generalprobe konnte Karasek den Witterungsbedingungen etwas abgewinnen. Denn noch nicht alle im Ensemble waren bislang in den Genuss gekommen, im Regen zu spielen. Für die Neuen im Sommertheater-Cast bot die Generalprobe insofern den Rutschtest vor der Premiere. Ein Fall ließe sich zudem nur schwerlich vertuschen, da eigens für Shakespeares Komödie eine 360-Grad-Bühne auf dem Gelände errichtet wurde. Die Mitte macht eine Drehbühne aus, die zwar das schwierigste Nass-Hindernis für die Novizen im Ensemble bildet, aber zugleich eine umfassendere Bühnenpräsenz erleichtern dürfte. 

Tatsächlich soll die Anordnung der Tribünen eine Hommage an das Globe-Theatre in London abzeichnen: „Man merkt schon, dass Shakespeare es für so eine Situation geschrieben hat. Das waren ja auch Open-Air-Bühnen – mehr oder weniger. Wir wollten damit eine neue Nähe schaffen.” Und das ist auch gelungen, wie wir in der Vorstellung spüren durften. Die Sicht von allen Seiten inszeniert eine neue Dimension der Intimität, wie es von Karasek intendiert war. Unabhängig davon, von welchem Platz aus geschaut und gelauscht wird, haben die Zuschauenden eine Illusion eines Panoptikums – rundum beobachten und beobachtet werden. Das kann allerdings auch zu Beklemmungen führen, wenn man auf der Tribüne gegenüber unliebsame Bekannte entdeckt. 

Mit einer neuen Übersetzung des englischen Urstoffes kann das Theater Kiel ebenso auftrumpfen. Kerstin Daiber und Daniel Karasek beweisen durch ihre Übertragung ins Deutsche eine bemerkenswert intensive Auseinandersetzung mit Shakespeares Werk und ebneten damit den Weg zur attraktiven Neuinterpretation für das Kieler Publikum. 

Der Zirkus ist in der Stadt 

Nach minutengenauer Abschätzung des Regenradars wurden die Gäste endlich in die Arena geleitet, in der Beatrice (Tiffany Köberich) ihre Wortgefechte gegen ihren Counterpart austrägt. Köberich verleiht ihrer Figur eine unnachahmliche Schlagfertigkeit, der einzig ein rappender Benedikt (Mischa Warken) das Wasser reichen kann. Hinreißend humorvoll präsentiert sich das wortgewandte Paar als Prototyp des Sprichworts ‚Was sich liebt, das neckt sich’. Die Rolle des abgeklärten Junggesellen wirkt geschickt auf Mischa Warken abgestimmt und ermöglicht dem Hamburger ein überaus gelungenes Debüt für sein Festengagement. 

Faszinierend vorteilhaft erweist sich das Rund für die Inszenierung des pastellfarbenen Maskenballs. Kurzerhand verwandelt ein Zirkusauftritt die Drehbühne in eine Manege und überrascht mit einem imposant-feurigen Szenenauftakt. Ebenso unerwartet ist die durchaus gelungene Maskerade, bei der selbst theaterkundiges Publikum ins Rätseln kommt. Wer hier böse Intrigen hinter der Maske spinnt und wer dort schamlos übereinander herfällt, wird zumeist erst beim dritten Hinschauen ersichtlich. 

Ende dem ewigen Bachelor 

Die beiden Liebespaare in Viel Lärm um nichts könnten ungleicher nicht sein. Einerseits ist da Benedikt, der der Liebe und Beatrice abschwört und sich als ewiger Junggeselle partout nicht dem Heiratswahn der Gesellschaft in Messina beugen möchte. Sein bester Freund Claudio (Rudi Hindenburg) dagegen verliebt sich Hals über Kopf in Hero (Eva Kewer), wird aber in eine böse Intrige verwickelt. Denn nicht alles ist so rosig, wie es vorerst scheint, immerhin haben wir es hier mit Shakespeare zu tun. Zacharias Preen bleibt seiner Bösewichtsrolle treu und mimt mit Don John einen spitzzüngigen Intriganten, der dem Publikum mit grimmiger Überzeugung üble Tiraden entgegenschleudert. Komponistin Sonja Glass (BOY) wird hier wohl stolz auf die Umsetzung ihres Songs sein: „Ich hasse die Welt” erklang beeindruckend wuterfüllt in Preens Interpretation. Um dem ‚dumpfen Frohsinn’ etwas entgegenzusetzen, bewegt Don John alle Hebel der shakespeareschen Dramaturgie.  

Sonja Glass schafft mit ihren Kompositionen eine wichtige Grundlage für das Musical. Die Band spielt sauber aus ihrem wettergeschützten Container heraus. Einzig an der gesanglichen Umsetzung durch die Schauspieler*innen hapert es an manchen Stellen. Es handelt sich eben in diesem Jahr des Sommertheaters um das Ensemble des Kieler Schauspielhauses und nicht der Oper.  

Tosendes Gelächter und fehlerhafter Applaus 

Das Ensemble des Sommertheaters (© Olaf Struck)

Trotz manch heimtückischer Machenschaften bleibt Viel Lärm um nichts ein lustiges Schauspiel. So ermöglicht Beatrices Suche nach einem bartfreien Zuschauer befreites Lachen. Und auch die weißen Klamotten haben in der Nässe ihren humorvollen Reiz. Das minutenlange Ganzkörper-Feudeln des nassen Bühnenbodens hinterließ bei Mischa Warken derartig Spuren, dass Tiffany Köberich mit einem langanhaltenden Lachkrampf aus ihrer Rolle geschüttelt wurde. Aber auch amüsante Dialoge und einzigartige Szenen konnten für freudige Aufseufzer sorgen. Spätestens bei der Midsommar-ähnlichen Hochzeit schmelzen die Herzen der Zuschauenden.  

Leider war das Publikum der Generalprobe derart angetan, dass zum Abschluss ein fulminanter Applaus ertönte – ganz zum Verdruss des Generalintendanten Karasek: Über die Lautsprecheranlage ließ er verlauten, dass der Aberglaube üblicherweise einen Applaus vor der großen Premiere verbietet. Glücklicherweise gelang die Aufführung am Premierentag aber dennoch. Herzliche Empfehlung! 

Das Sommertheater könnt ihr noch bis zum 16. Juli jeden Abend (Ruhetag: 10.07.) um 20:00 Uhr auf dem MFG-5-Gelände in Holtenau erleben. Karten sind online erhältlich. Für Studierende gibt es einen Deal vom Theater für 20 Euro. 

Das Interview mit Daniel Karasek könnt ihr in der Morningshow vom Campusradio nachhören. Freitag, 07. Juli von 10-12:00 Uhr auf 101.2 Kiel FM oder über den Livestream: https://campusradiokiel.de/live/

Autor*in
Ressortleitung Kultur

Lena studiert Deutsch und Englisch und ist seit November 2020 Teil der Albrecht-Redaktion. Sie schreibt gern Kultur-Artikel und leitet seit Januar 2024 das Kultur-Ressort.

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Chefredakteur

Finn ist seit Februar 2024 Chefredakteur des ALBRECHTs. Zuvor hat er ein Jahr lang das Kulturressort geleitet. Er studiert seit dem Wintersemester 20/21 Englisch und Geographie auf Lehramt und ist seit dem WiSe 22/23 Teil der Redaktion.

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