Sobald das Wort „Stipendium“ fällt, denken viele an Medizinstudierende mit Einser-Abitur, die fünf Fremdsprachen beherrschen, drei Sportarten machen und ehrenamtlich in mehreren Organisationen engagiert sind. Dass das in den wenigsten Fällen der Wahrheit entspricht, berichten drei Kieler Stipendiat:innen verschiedener Förderwerke. 

Das bekommen nur Überflieger 

Nein, Stipendiat:innen sind nicht nur Geige spielende Start-Up-Gründer:innen mit Krawatte, die sich in ihrer Freizeit aus Langeweile noch Chinesisch beibringen. Tatsächlich ist es nicht notwendig, der nächste Einstein zu sein, um ein Stipendium zu erhalten. Neben guten Noten im Studium zählen auch soziales Engagement, Motivation, Zielstrebigkeit, soziale Kompetenzen, der familiäre Hintergrund und außerfachliche Interessen zu den Auswahlkriterien für ein Stipendium. Worauf genau bei der Bewerber:innenauswahl am meisten Wert gelegt wird, hängt dabei immer vom jeweiligen Förderwerk ab. 

In Deutschland gibt es dreizehn große Begabtenförderungswerke, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt werden. Darunter fallen politische Förderwerke, die parteinahen Stiftungen, religiöse, gewerkschafts- und wirtschaftsnahe Stiftungen. Darüber hinaus gibt es aber noch hunderte weitere Stipendien, die speziell für Bereiche wie Musik oder Sport, für bestimmte Studiengänge oder von einzelnen Unternehmen vergeben werden. Genau das ist der Punkt: Bei der riesigen Zahl an Stipendien ist die Chance, eins zu bekommen, gar nicht so klein. Die meisten Förderwerke haben weit mehr finanzielle Kapazitäten als Stipendiat:innen.  

Musterstipendiat:in? 

Abitur mit 1,0 und direkt im Anschluss der Start ins Medizinstudium? Nicht alle Stipendiat:innen gehen diesen Weg. Die drei befragten Stipendiat:innen aus Kiel unterscheiden sich sowohl in ihrem Studienfach, Semester und Förderwerk als auch in ihrem Weg zu einem Stipendium. Einer von ihnen, der ein Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung erhält, erzählt: „Ich hatte kein Einser-Abitur, habe nach der Schule zuerst eine Ausbildung gemacht und einige Jahre gearbeitet. Erst danach habe ich mein Studium begonnen und mich in den ersten Semestern selbst für zwei Stipendien beworben.“ Ein weiterer Student, der vom Evangelischen Studienwerk Villigst gefördert wird, merkt an: „Noten spielen bei der Auswahl natürlich schon in gewissem Maß eine Rolle. Viel wichtiger ist meistens aber die Studienmotivation oder das Engagement vor dem persönlichen Hintergrund. Engagiert sein kann übrigens auch heißen, Fußballtraining zu geben, im Theater oder in einer Hochschulgruppe aktiv zu sein. Das muss kein offizielles Ehrenamt sein.“  

Zu viel Papierkram 

In den meisten Fällen sind die Bewerbungsprozesse weniger kompliziert als anfangs zu erwarten ist. Besonders wenn der ‚Aufwand’, einen Lebenslauf und ein Motivationsschreiben zu verfassen und ein paar Zettel auszufüllen, gegen das, was ein Stipendium bieten kann, aufgewogen wird, lohnt dieser sich auf jeden Fall. „Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass du im Endeffekt nichts zu verlieren hast. Den Versuch, sich zu bewerben, ist es immer wert“, bekräftigt der Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung. Denn neben der finanziellen Förderung, die sich bei den meisten Stiftungen an den BAföG-Sätzen orientiert und mindestens eine Grundförderung von 300 Euro umfasst, gibt es ein ideelles Programm, bestehend aus zum Beispiel Sprachkursen, Seminaren, Praktika, Workshops oder Auslandsaufenthalten. Dazu kommt die Begleitung durchs Studium, die durch Vertrauensdozent:innen und die Stipendiat:innengruppe vor Ort passiert. Der Stipendiat des Evangelischen Studienwerk Villigst ergänzt: „Gerade durch den Austausch mit Altstipendiat:innen gibt es oft die Chance, an Praktika zu kommen, die sonst nicht möglich wären. Es bildet sich ein großes Netzwerk an Kontakten, die einem viele Türen öffnen können.“  

Die Auswahl ist viel zu anspruchsvoll, das schaffe ich sowieso nicht 

Grundsätzlich bestehen die meisten Bewerbungsprozesse aus mehreren Runden. Nach einem Motivationsschreiben und einem ausformulierten Lebenslauf folgen Auswahlgespräche mit Stiftungsmitgliedern oder Altstipendiat:innen. Zum Teil gibt es Auswahlwochenenden, bei denen kurze Vorträge gehalten oder Diskussionsrunden geführt werden müssen. Das kann zunächst einschüchternd wirken. Dass diese Angst aber nicht im Weg stehen sollte, betont der Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung: „Die Auswahlgespräche sind sehr individuell. Die Gutachter:innen wollen dich wirklich als Person kennenlernen. Davor braucht man keine Angst zu haben. Auch der Auswahltest bei der Selbstbewerbung war machbar. Man sollte sich einfach trauen, es zu probieren. Ich habe mich auch recht spontan entschlossen, am Auswahltest für die Studienstiftung teilzunehmen, weil mich ein Kommilitone im ersten Semester darauf aufmerksam gemacht hatte. Ich dachte anfangs, dass es eh nichts wird, wollte es aber versucht haben. Ich bin dann erstaunlich gut durchgekommen und zum Auswahlwochenende eingeladen worden.“ Viele Studierende scheuen sich, aus Angst abgelehnt zu werden, vor einer Bewerbung. Dass das aber kein Nein für immer sein muss, zeigt diese Tatsache: „Von der Studienstiftung bin ich nach dem Auswahlwochenende abgelehnt worden. Die Gutachterin hat mir allerdings den Hinweis gegeben, dass die Konrad-Adenauer-Stiftung doch gut zu mir passen würde. Dort bin ich dann auch tatsächlich aufgenommen worden.“ Ein individuell passendes Förderwerk zu finden und sich von einzelnen Absagen nicht entmutigen zu lassen, spielt demnach auch eine große Rolle. 

Dafür muss ich vorgeschlagen werden 

Von der Schulleitung, Dozierenden oder dem Prüfungsamt für eine Stiftung vorgeschlagen zu werden, ist nur ein Weg zum Stipendium. Die meisten Stiftungen haben Verfahren für Selbstbewerbungen. Der Stipendiat des Evangelischen Studienwerk Villigst erzählt: „Ich war nach dem Abi im Ausland und habe mich dann zu Beginn des Studiums selbst online bei verschiedenen Stipendien beworben. Beruhigend zu wissen war, dass bei Villigst auch wirklich alle Bewerber:innen ohne Vorauswahl zu Auswahlgesprächen eingeladen werden.“  

Aber auch den Vorschlag durch Dozierende können Studierende selbst aktiv nutzen, wie der Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung berichtet: „Ich benötigte für meine Bewerbung ein Fachgutachten von einem Dozierenden. Ich habe Dozierende angesprochen, bei denen ich bereits eine mündliche Prüfung hatte und die ich dadurch etwas besser kannte. Die waren sehr entspannt und wollten mich in Gesprächen näher kennenlernen, um dann das Gutachten an die Stiftung zu schicken. Studierende sollten sich einfach trauen, Dozierende selbst anzusprechen.“ 

Altstipendiat:innen haben teilweise ebenfalls ein Vorschlagsrecht für ihre Stiftungen und können bei der Bewerbung helfen. Bei der Hans-Böckler-Stiftung dürfen aktuelle Stipendiat:innen Studierende empfehlen: „Als gewerkschaftsnahe Stiftung steht Mitbestimmung bei uns im Vordergrund. Wir Stipendiat:innen aus Kiel können daher Kommiliton:innen vorschlagen, die wir für ein Stipendium geeignet finden.“ 

Alles Parteimitglieder 

Häufig entsteht der Eindruck, dass es Voraussetzung ist, Mitglied der jeweiligen Partei zu sein, um von einer parteinahen Stiftung gefördert zu werden. Das stimmt allerdings nicht. „Es ist nicht nötig, Parteimitglied zu sein, um ein Stipendium der Stiftung zu erhalten“, erklärt der Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung. „Viel wichtiger ist es, sich grundlegend mit den Werten identifizieren zu können. Bei Veranstaltungen kann es thematisch natürlich zum Beispiel um die Gründung der CDU gehen, da sollte schon Interesse für vorhanden sein. Dass viele Stipendiat:innen auch Mitglieder der Partei sind, ergibt sich daraus, dass es oft engagierte Menschen sind, mit Interesse an den Themen der Partei. Da liegt für Viele der Schritt zum Parteieintritt nah.” Für die Hans-Böckler-Stiftung gilt ähnliches: Es ist keine Voraussetzung, Gewerkschaftsmitglied zu sein. 

Jetzt ist es zu spät, um sich zu bewerben 

Genau jetzt ist der richtige Zeitpunkt, dich bei verschiedensten Stiftungen selbst für ein Stipendium zu bewerben. Viele Förderwerke nehmen Bewerbungen von Studierenden in den ersten zwei Semestern im Februar und März entgegen. Für Promotionsstipendien sind die Fristen ähnlich. Die genauen Anmeldezeiträume sind auf den jeweiligen Internetseiten der Stiftungen zu finden. Darüber hinaus werden manche Stipendien auch für Studierende in höheren Semestern im Bachelorstudium oder zu Beginn eines Masters vergeben. Die befragten Stipendiat:innen sind sich einig: „Sich informieren und am Ball bleiben ist eigentlich das wichtigste bei der Bewerbung.“ 

Wenn ihr noch weitere Fragen zur Bewerbung für ein Stipendium habt, könnt ihr diese an Stipendiat:innen der Studienstiftung unter botschafter.studienstiftung@web.de stellen. 

Autor*in

Melina ist seit Juni 2020 Redakteurin beim Albrecht und schreibt vor allem für das Ressort Hochschule.

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