Weihnachten zu Hause – herrlich. Jede Familie hat eigene Traditionen und Abläufe für die Bescherung, das Essen und das Zusammenkommen der Familie. Die Lieblingstradition meiner Kindheit ist das Verstecken der Weihnachtsgurke. Immer nach dem Essen mussten meine Eltern noch schnell den Weihnachtsmann reinlassen und wieder rauslassen. Gleichzeitig versteckten sie auch die Gurke im Baum. Mein Bruder und ich durften dann suchen, was unfair war, weil er fünf Jahre älter und größer war als ich. Da hatte ich oft das Nachsehen…  – Wie bitte? Ihr kennt die Tradition der Weihnachtsgurke nicht? Aber das ist doch eine typisch deutsche Tradition! Zumindest wird das so erzählt, aber ehrlich gesagt habe ich bis vor Kurzem auch noch nichts davon gehört und die Kindheitsgeschichte ist auch gelogen. 

In Amerika ist die Weihnachtsgurke besonders beliebt und bekannt. Wer sie als erstes findet, bekommt entweder ein Extra-Geschenk, viel Glück oder darf als erstes die Geschenke aufmachen. Da gibt es unterschiedliche Belohnungstraditionen. In einer Sache ist sich Amerika aber sicher: Die Weihnachtsgurke kommt aus Deutschland und wurde von deutschen Einwander*innen mitgebracht. Lustigerweise haben die meisten Deutschen noch nie was davon gehört. In einer Befragung aus dem Jahr 2016 gaben 91 Prozent der befragten Deutschen an, dass sie die Weihnachtsgurke gar nicht kennen. Zur Entstehung dieses Irrglaubens gibt es verschiedene Geschichten. 

Eine davon dreht sich um John C. Lower, der aus dem Königreich Bayern nach Amerika auswanderte. Während des amerikanischen Bürgerkriegs kämpfte er für die Nordstaaten, bevor er gefangen genommen wurde und in das Gefangenenlager Camp Sumter bei Andersonville kam, welches für seine unmenschlichen Bedingungen bekannt war. Der ausgehungerte John überlebte dies nur, weil ein barmherziger Wächter ihm an Heiligabend eine einzelne Essiggurke gab. Der Geschichte nach hing er nach dem Kriegsende seitdem jedes Weihnachten eine Gurke in den Weihnachtsbaum, im Gedenken an seine Rettung. Jedoch gibt es dafür keine Belege. 

Ein anderer Mythos geht darauf zurück, dass viele Familien im 20. Jahrhundert nicht genug Geld hatten, um Geschenke für alle Kinder zu kaufen. Um das Problem zu umgehen, wurde daraufhin eine Gurke im Baum versteckt. Das Kind, welches die Gurke findet, bekommt dafür ein Geschenk, während der Rest leer ausging. Eine direkte Verbindung zu Deutschland gibt es hier nicht, trotzdem wird auch diese Geschichte oft als Grund für die deutsche Herkunft benutzt. 

Es muss auch gar keine tiefgründigere Geschichte haben, warum der Brauch mit Deutschland verbunden wird. Rund um 1880 gab es einen Boom an Exporten von Weihnachtsschmuck aus Deutschland und Europa nach Amerika. Laut einem US-Zertifikat soll 1880 in der thüringischen Stadt Lauscha die Weihnachtsgurke erfunden worden sein. Der aus Lauscha stammende Glasbläser Gernot Weigelt stellte bis vor zwei Jahren verschiedene Gemüsearten her. Darunter auch die Weihnachtsgurke.  

Egal ob Soldat, Armut oder einfach Handwerkskunst, die Weihnachtsgurke hat anscheinend einen deutschen Bezug und Ursprung, auch wenn niemand hier sie so richtig kennt. Vielleicht versteckt ihr ja dieses Jahr eine Gurke im Weihnachtsbaum. In dem Sinne: Viel Glück beim Suchen! 

Autor*in
Stellv. Chefredakteur und Layouter

Joschka studiert seit dem Wintersemester 20/21 Soziologie und Politikwissenschaft und ist seit Ende 2022 Teil des Albrechtsteams. Dazu leitet er seit dem März 2023 das Layoutteam und ist seit Februar 2024 stellvertretende Chefredaktion.

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