Wie ich mich durch meine Angststörung selbst zur Außenseiterin machte  

Seit ich ein Kind bin, habe ich eine generalisierte Angststörung. Das bedeutet für mich, dass ich vor und in vielen Situationen Angst vor Dingen habe, die mir dazu eigentlich keinen Anlass geben. Mein Gehirn hat das mit ‘Fight or Flight’ wohl nicht so richtig verstanden. Das führt dazu, dass ich mich in vielen Situationen ausgeschlossen fühle – oft bin ich daran sogar selbst schuld.  

Meine Feindin, die Schulparty 

Das Thema Angststörung im Zusammenhang mit Inklusion zu betrachten, fällt mir nicht leicht. Oft exkludiere ich mich selbst. Das beste Beispiel ist hier wohl die gefürchtete Party. Als es in der Mittelstufe anfing, dass ich am Wochenende zu Hauspartys eingeladen wurde oder zum Vorglühen vor der Dorfdisco, sagte ich fast ausnahmslos ab. Ich hatte viel zu viel Angst vor der Mischung aus Menschenmassen, neuen Orten und Alkohol. Was, wenn niemand mit mir reden würde? Wenn ich mich übergeben müsste und ich nicht lustig genug wäre? So habe ich eine Einladung nach der anderen abgelehnt. Das hat dazu geführt, dass meine Klassenkamerad:innen die Schlussfolgerung zogen, dass ich keine Lust aufs Feiern hatte. Immer weniger Einladungen trudelten bei mir ein. Am Wochenende saß ich dann an meinem sicheren Ort – in meinem Bett – und schaute die Instagram-Stories von den Partys an, auf denen ich auch hätte sein können. Sehnsüchtig hörte ich das Lachen und die Musik und war unglaublich sauer auf mich selbst, dass ich mich einfach nicht überwinden konnte. Zu der Zeit hatte ich viel mit Schuldgefühlen zu kämpfen. An manchen Tagen spürte ich einen regelrechten Selbsthass, weil ich meinem Glück selbst so im Weg stand. 

Auf Parkplätzen und in der Uni 

Es gibt unzählige andere Beispiele aus meinem Alltag, in denen ich mich so fühle. Zum Glück beeinflussen nicht alle mein gesamtes Leben so wie meine Party-Erfahrung in der Schule. Manchmal fange ich eine Woche, bevor ich an einen neuen Ort fahren muss, damit an, auf Google Maps die Parksituation auszukundschaften. Dann rede ich mir meistens ein, dass ich auf diesen engen Parkplätzen niemals einparken kann und habe eine Woche lang Panik. In dieser Woche esse ich dann vielleicht weniger, weil die Angst mir immer auf den Magen schlägt. In Gedanken bin ich eine ganze Woche lang bei dem viel zu engen Parkplatz. Nur, um dann vor Ort festzustellen, dass ich mit meinem Auto zwei Mal in diese Parklücke gepasst hätte. 

Auch die Uni ist für mich und meine Angststörung nicht immer barrierefrei. Seit ich weiß, dass ich in diesem Semester innerhalb von sechs Wochen fünf Referate halten muss, trage ich ein kleines Fünkchen Panik in mir herum, das manchmal ein kurzes Feuer auslöst. In allen vorstellbaren Situationen erinnert mich mein Gehirn an die Referate und lässt mich mit kleinen Panikattacken kämpfen. Klein deshalb, weil ich nach Jahren mit der Krankheit gelernt habe, die aufkommende Angst zu besiegen, bevor sie die Überhand gewinnt. 

Clemens und ich 

Seit meinen Erfahrungen in der Schule habe ich viel über mich und meine Krankheit gelernt. Ich weiß jetzt, dass es nicht meine Schuld ist, wenn ich Veranstaltungen absage, weil ich mich nicht traue. Die Angststörung ist schuld daran, und nur sie allein. Um mir das besser zu verdeutlichen, habe ich der Panik in meinem Kopf auch einen Namen gegeben: Clemens. Wenn ich heutzutage eine Party absagen muss, dann ist Clemens daran schuld. Denn meine Krankheit ist ein Teil von mir, aber ich bin nicht meine Krankheit. 

Autor*in

Mira ist 21 Jahre alt und studiert seit dem WiSe 2020/21 Soziologie und Deutsch an der CAU. Sie ist seit November 2020 Teil der ALBRECHT-Redaktion und leitete ab Februar 2021 für ein Jahr das Ressort Hochschule. Seit Februar 2022 ist sie die stellvertretende Chefredakteurin.

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